In drei Tagen steht ein wichtiger Termin auf dem Amt an. Die Unterlagen sind vorbereitet, das Projekt ist geplant, eigentlich könnte bis dahin alles ganz ruhig sein. Eigentlich. Im Kopf läuft längst ein anderer Film. Vielleicht fehlt irgendein Formular. Vielleicht gibt es Auflagen, die richtig teuer werden. Vielleicht erklärt jemand das ganze Vorhaben für unzulässig. Vielleicht entstehen Schwierigkeiten, an die bisher noch niemand gedacht hat. Und wenn der Kopf erst einmal damit angefangen hat, ist er erstaunlich kreativ. Nach kurzer Zeit existieren Probleme, Gespräche und Katastrophen, die in der wirklichen Welt noch gar nicht stattgefunden haben.
Drei Tage später sitzt du tatsächlich auf dem Amt. Du legst deine Unterlagen auf den Tisch, beantwortest ein paar Fragen und nach einer Viertelstunde ist die Sache erledigt. Genehmigt. Alles in Ordnung. Auf dem Weg nach draußen denkst du vielleicht: „Donnerwetter, so einfach war das.“
Die drei Tage davor bekommst du trotzdem nicht zurück.
Im Jetzt leben heißt nicht, an nichts mehr zu denken
Beim Satz „im Jetzt leben“ entsteht schnell die Vorstellung, Vergangenheit und Zukunft dürften im Kopf überhaupt keine Rolle mehr spielen. Das wäre ziemlich unpraktisch. Die Vergangenheit enthält Erfahrungen, und die Zukunft braucht gelegentlich Planung. Wenn morgen ein wichtiger Termin ansteht, ist es eine gute Idee, heute die Unterlagen zusammenzustellen.
Entscheidend ist etwas anderes: Wo findet dein Leben gerade statt?
Wenn du auf einem Stuhl sitzt und diesen Text liest, findet dein Leben genau hier statt. Du kannst spüren, wie sich der Stuhl anfühlt, deine Füße auf dem Boden wahrnehmen, Geräusche im Raum hören oder bemerken, wie du gerade atmest. Genau in diesem Augenblick kannst du denken, entscheiden und handeln. Gestern kannst du nicht mehr verändern. Morgen ist noch nicht da. Verändern kannst du etwas nur jetzt.
Das Gute an der Vergangenheit ist: Sie ist vergangen
Dieser Satz ist für mich wichtig: Das Gute an der Vergangenheit ist: Sie ist vergangen. Stell dir vor, deine gute Tasse fällt vor einer Sekunde vom Tisch und zerbricht auf dem Boden. Vielleicht war sie ein Geschenk, vielleicht hing eine schöne Erinnerung daran und vielleicht ärgert es dich richtig. Nur eines steht fest: Die Tasse ist kaputt.
Du kannst dich zehn Minuten ärgern, zwei Stunden oder bis Weihnachten. Du kannst die Szene hundertmal im Kopf wiederholen und dir jedes Mal vorstellen, wie du die Tasse doch noch hättest auffangen können. An den Scherben auf dem Boden verändert sich dadurch nichts. Der Vorgang ist abgeschlossen. Das bedeutet nicht, dass dir das Geschehene gleichgültig sein soll. Es bedeutet lediglich, dass deine Energie ab jetzt an einer anderen Stelle sinnvoller eingesetzt ist.
Du kannst die Scherben aufheben. Du kannst überlegen, was dazu geführt hat. Vielleicht stand die Tasse zu dicht am Rand. Vielleicht warst du unaufmerksam. Vielleicht war es schlicht Pech. Und dann kannst du eine Erfahrung daraus mitnehmen.
Die Vergangenheit darf Erfahrung liefern, nicht jeden Tag dasselbe Gefühl
An dieser Stelle passiert etwas ziemlich Uncooles. Menschen nehmen aus einer vergangenen Situation nicht nur die Erfahrung mit, sondern auch das ungute Gefühl. Dann wird die Szene im Kopf wieder aufgerufen, noch einmal durchlebt, später erneut hervorgeholt und beim nächsten Mal wieder abgespielt. Die Situation ist längst vorbei. Das Gefühl bekommt trotzdem immer wieder eine neue Vorstellung.
Hundertmal.
Tausendmal.
Und jedes Mal wird derselbe innere Ablauf erneut geübt.
Das ist aus meiner Sicht keine besonders hilfreiche Verwendung von Vergangenheit. Die Vergangenheit darf dir Erfahrung geben. Sie sollte dir nicht jeden Tag dieselben Gefühle neu liefern. Wenn du eine frühere Situation immer wieder mit demselben unguten Gefühl durchlebst, lernst du daraus nicht automatisch mehr. Du trainierst vor allem das Gefühl.
Viel hilfreicher ist die Frage: Was habe ich aus dieser Situation gelernt und was kann ich beim nächsten Mal anders machen, damit ich ein anderes Ergebnis bekomme? Dann wird aus Vergangenheit Erfahrung. Und aus Erfahrung kann im Jetzt eine neue Entscheidung entstehen.
Die Vergangenheit ist ein guter Ort für Erfahrungen
Ich mag diesen Gedanken sehr:
Die Vergangenheit ist ein guter Ort für Erfahrungen. Sie ist kein guter Ort zum Wohnen.
Du darfst zurückschauen. Du darfst prüfen, welche Folgen dein Verhalten hatte, was gut funktioniert hat und was du heute anders machen würdest. Genau darin liegt ein großer Wert unserer Erfahrungen.
Wenn du ein Ergebnis bekommen hast, das dir gefällt, kannst du überlegen, was dazu beigetragen hat und mehr davon tun. Wenn dir das Ergebnis nicht gefällt, darfst du etwas verändern. Im NLP sprechen wir gern von Feedback. Das gefällt mir, weil der Begriff den Blick nach vorn öffnet. Ein Ergebnis sagt dir etwas darüber, was dein Verhalten bewirkt hat. Wenn du ein anderes Ergebnis möchtest, kannst du dein Verhalten verändern. Nicht zwangsläufig komplett. Oft reicht eine Kleinigkeit. Die Vergangenheit liefert dabei Informationen. Die Veränderung beginnt jetzt.
Die Zukunft kann ebenfalls erstaunlich anstrengend werden
Mit der Zukunft funktioniert unser Kopf ähnlich kreativ. Nur entstehen dort keine Erinnerungen, sondern Vorstellungen. Zurück zum Termin auf dem Amt. Drei Tage vor diesem Termin weißt du noch nicht, wie das Gespräch verlaufen wird. Trotzdem kann dein Kopf schon eine komplette Geschichte daraus bauen, inklusive schlechter Nachrichten, riesiger Auflagen und eines Beamten, der offenbar nur morgens aufgestanden ist, um dein Projekt persönlich zu verhindern.
Nichts davon ist passiert. Das Gefühl dazu kann trotzdem vollkommen echt sein. Der Körper unterscheidet nicht immer besonders elegant zwischen einer tatsächlich erlebten Situation und einem inneren Film, den du gerade mit voller Begeisterung produzierst. Du liegst im Bett, der Termin ist noch zwei Tage entfernt, und innerlich sitzt du bereits zum zwölften Mal vor diesem Schreibtisch.
Vielleicht wäre eine andere Beschäftigung hilfreicher. Du könntest deine Unterlagen noch einmal prüfen. Du könntest kontrollieren, ob alle Fragen beantwortet sind. Du könntest dich gut vorbereiten und anschließend zu dem Ergebnis kommen: Für heute ist alles getan.
Das ist keine künstlich positive Vorstellung. Es ist eine sachliche. Und manchmal ist ein neutraler Gedanke deutlich hilfreicher als eine perfekt produzierte Katastrophe.
Gute Vorbereitung gehört ins Jetzt
Zukunftsplanung und Leben im Jetzt widersprechen sich deshalb überhaupt nicht. Wenn in drei Tagen ein wichtiger Termin ansteht, kannst du heute etwas dafür tun. Du bereitest dich vor, sammelst Informationen, stellst Unterlagen zusammen und überlegst, welche Fragen entstehen könnten.
Sobald alles getan ist, was heute sinnvoll möglich ist, darf die Zukunft wieder Zukunft sein. Noch dreihundert gedankliche Gespräche mit einem Menschen, den du noch gar nicht getroffen hast, verbessern deine Vorbereitung kaum.Sie kosten nur Zeit und Kraft. Wer gedanklich ständig gestern repariert oder morgen Katastrophen produziert, verschenkt den einzigen Moment, in dem tatsächlich etwas verändert werden kann.
Im Jetzt leben bedeutet, die Aufmerksamkeit zurückzuholen
Dafür braucht es keine komplizierte Technik. Du kannst deine Aufmerksamkeit für einen Moment auf das richten, was gerade tatsächlich da ist. Wie fühlt sich der Stuhl an, auf dem du sitzt? Welche Geräusche hörst du? Wie fühlt sich der Kugelschreiber in deiner Hand an? Was siehst du, wenn du dich kurz im Raum umschaust? Das klingt fast zu einfach. Genau darin liegt der Wert.
In diesem Augenblick verlässt du den inneren Film über gestern oder morgen und kommst zurück zu dem, was gerade tatsächlich stattfindet. Du bist hier. Jetzt. Und von hier aus kannst du entscheiden, was als Nächstes sinnvoll ist.
Ein anderes Ergebnis beginnt mit etwas anderem
Wenn du zweimal dasselbe getan und zweimal ein Ergebnis bekommen hast, das dir überhaupt nicht gefällt, wäre es eine interessante Idee, beim dritten Mal etwas zu verändern. Das klingt banal und wird im Alltag trotzdem erstaunlich oft übersehen. Wir wiederholen dieselbe Art zu denken, dieselbe Reaktion, dieselbe Kommunikation und hoffen auf ein anderes Ergebnis.
Dabei kann bereits eine kleine Veränderung einen Unterschied machen. Ein anderer Satz. Eine andere Frage. Eine kurze Pause vor einer Reaktion. Eine bessere Vorbereitung. Eine Entscheidung, die früher immer vertagt wurde. Du brauchst dafür nicht die Vergangenheit neu zu schreiben. Du kannst jetzt etwas anders machen.
Leben im Jetzt darf geübt werden
Kaum eine Fähigkeit entsteht dadurch, dass wir sie einmal verstehen. Kinder zeigen das ziemlich eindrucksvoll. Bevor ein Kind sicher laufen kann, gibt es unzählige Versuche. Aufstehen, zwei Schritte, hinsetzen. Wieder aufstehen. Noch einmal versuchen. Irgendwann klappt es. Kein gesundes Kind sitzt nach dem dritten Versuch auf dem Boden und erklärt: „Das mit dem Laufen liegt mir offenbar nicht.“ Es versucht es erneut.
Auch Aufmerksamkeit lässt sich üben. Wenn du bemerkst, dass du wieder einmal eine alte Situation zum hundertsten Mal durchspielst, kannst du dich fragen, was du daraus lernen möchtest und was du heute damit tun kannst. Wenn dein Kopf bereits die Katastrophe von übermorgen vorbereitet, kannst du prüfen, welche Vorbereitung heute sinnvoll ist. Und danach kommst du zurück. Hierher.
Der einzige Moment, in dem du Einfluss hast
Vergangenheit gehört zu deinem Leben. Zukunft ebenfalls. Beide haben ihren Platz. Nur der gegenwärtige Moment hat eine besondere Eigenschaft: Hier kannst du handeln. Du kannst heute aus einer Erfahrung lernen. Du kannst heute etwas vorbereiten. Du kannst heute anders reagieren. Du kannst heute eine Entscheidung treffen.
Die Tasse von vor einer Sekunde bleibt zerbrochen.
Der Termin in drei Tagen bleibt bis dahin Zukunft.
Was du jetzt mit beidem machst, liegt in diesem Augenblick.
Das Gute an der Vergangenheit ist: Sie ist vergangen. Die Vergangenheit ist ein guter Ort für Erfahrungen, nur kein guter Ort zum Wohnen. Und die Zukunft darf kommen, wenn sie dran ist.
Bis dahin ist jetzt.
