Morgen früh machst du etwas vollkommen Unbedeutendes anders. Du ziehst zuerst die Socken an und danach die Unterhose. Dein Leben wird dadurch vermutlich nicht aus den Angeln gehoben. Wahrscheinlich wird es nicht einmal jemand bemerken. Und genau deshalb gefällt mir dieses Beispiel so gut. Du hast etwas bewusst anders gemacht als sonst.

Vielleicht fühlt es sich komisch an. Vielleicht grinst du über dich selbst. Vielleicht stellst du einfach nur fest, dass Gewohnheiten erstaunlich hartnäckig sein können, selbst bei Dingen, über die wir normalerweise überhaupt nicht nachdenken.

Veränderung beginnt nicht erst dort, wo dein ganzes Leben anders aussieht. Sie beginnt in dem Moment, in dem du etwas anders machst als bisher.

Erst ausprobieren, dann bewerten

Viele Veränderungen scheitern schon im Kopf, lange bevor überhaupt etwas passiert. Wir überlegen, planen, vergleichen Möglichkeiten und suchen nach der perfekten Lösung. Dabei lässt sich vieles viel einfacher herausfinden: Du probierst etwas aus und schaust, was passiert. Das Ergebnis ist erst einmal Feedback.

Hat sich etwas verbessert? Ist etwas schwieriger geworden? Fühlt sich eine Situation leichter an? Entsteht Widerstand? Hat sich überhaupt nichts verändert? All das sind Informationen. Wenn dir das Ergebnis gefällt, kannst du mehr davon tun. Wenn es dir nicht gefällt, veränderst du wieder etwas.

Du brauchst nicht immer den perfekten Plan. Du brauchst einen ersten Versuch und die Bereitschaft, auf das Ergebnis zu schauen.

Kleine Veränderungen verändern ganze Abläufe

Nehmen wir etwas völlig Unspektakuläres aus dem Arbeitsalltag. Du beantwortest bislang jede Mail, sobald sie auf dem Bildschirm erscheint. Dann entscheidest du, Mails nur noch zu bestimmten Zeiten zu bearbeiten. Nach ein paar Tagen stellst du fest, dass du konzentrierter arbeitest. Anschließend fällt dir auf, wie viele Benachrichtigungen dich völlig unnötig aus deiner Arbeit reißen. Also schaltest du einige davon aus. Keine dieser Veränderungen ist spektakulär. In der Summe kann daraus trotzdem ein völlig anderer Arbeitstag entstehen. Genau das mag ich an kleinen Veränderungen. Sie brauchen keinen großen Neustart. Sie lassen sich ausprobieren, verändern und auch wieder verwerfen.

Eine andere Frage kann schon reichen

Ein sehr schönes Beispiel erlebe ich immer wieder bei Menschen, die schlecht Nein sagen können. Der Schreibtisch ist voll, mehrere Projekte laufen gleichzeitig und am Mittwoch kommt der Chef mit dem nächsten sehr wichtigen Auftrag. Die gewohnte Reaktion könnte sein: „Okay, ich bekomme das irgendwie auch noch hin.“ Eine kleine Veränderung wäre nur ein anderer Satz:  „Welches der anderen wichtigen Projekte soll ich zurückstellen, damit ich dieses hier entsprechend bearbeiten kann?“

Auf den ersten Blick ist das nicht viel. Tatsächlich verändert diese Frage die Situation deutlich. Plötzlich liegt die Entscheidung über die Priorität dort, wo sie hingehört. Du entscheidest nicht heimlich selbst, welcher Kunde länger wartet oder welche Aufgabe liegen bleibt. Die Priorisierung wird sichtbar. Und genau an dieser Stelle gilt:

Wenn alles gleich wichtig ist, ist am Ende nichts wichtig.

Nicht jedes zusätzliche Ja ist kostenlos

Du brauchst nicht grundsätzlich häufiger Nein zu sagen. Viel wichtiger finde ich einen anderen Gedanken:

Jedes zusätzliche Ja hat Folgen.

Ein neues Projekt braucht Zeit. Eine zusätzliche Aufgabe braucht Aufmerksamkeit. Ein neuer Termin nimmt Raum ein, der vorher für etwas anderes vorgesehen war. Wenn du zu etwas Neuem Ja sagst, lohnt sich deshalb die Frage: Was verändert sich dadurch an anderer Stelle? Das ist keine komplizierte Zeitmanagement-Methode. Es ist schlicht eine ehrliche Betrachtung der eigenen Möglichkeiten.

Die Tu-du-Liste

Neben einer To-do-Liste gefällt mir eine zweite Liste inzwischen fast noch besser. Die Tu-du-Liste. Sie enthält alles, was grundsätzlich erledigt werden soll, und stellt zusätzlich eine einfache Frage: Wer sollte das eigentlich tun?

Die Antwort kann sein: Ich. Jemand anderes. Niemand. Gerade die letzte Antwort finde ich interessant. Denn nicht jede Aufgabe wird dadurch sinnvoller, dass sie jemand anders übernimmt. Nicht jede Aufgabe verdient jemanden, der sie erledigt. Einige Dinge können delegiert werden. Andere lassen sich vereinfachen. Und einige dürfen schlicht verschwinden.

Umsatz allein macht keinen guten Kunden

Das gleiche Prinzip lässt sich auf Kunden übertragen. Zwei Kunden können einen ähnlichen Umsatz bringen und trotzdem völlig unterschiedlich wertvoll für ein Unternehmen sein. Mit dem einen läuft die Zusammenarbeit klar, zuverlässig und angenehm. Der andere braucht ständig Sonderlösungen, erzeugt zusätzliche Arbeit, bindet unverhältnismäßig viel Aufmerksamkeit und sorgt regelmäßig dafür, dass irgendwo anders etwas liegen bleibt. Dann lohnt sich ein genauerer Blick. Nicht nur auf den Umsatz, sondern auch auf Zeit, Aufwand, Energie und die Qualität der Zusammenarbeit.

Umsatz allein macht einen Kunden noch nicht zu einem guten Kunden.

Das bedeutet nicht, jeden anstrengenden Kunden sofort auszusortieren. Es bedeutet lediglich, genauer hinzusehen, welche Zusammenarbeit langfristig wirklich sinnvoll ist.

Gewohnheit ist keine Vorschrift

Vielleicht gefällt mir deshalb dieses Beispiel mit den Socken so gut. Es ist vollkommen harmlos. Du riskierst nichts. Und trotzdem verändert sich für einen Moment etwas. Du bemerkst deine eigene Gewohnheit. Vielleicht bemerkst du sogar, wie stark der erste Impuls ist, alles wieder so zu machen wie immer. Genau darin steckt etwas Interessantes: Nur weil du etwas schon lange auf dieselbe Weise machst, ist es noch lange nicht die beste Möglichkeit. Manchmal gibt es einen guten Grund für eine Gewohnheit. Manchmal gibt es nur die Gewohnheit. Das findest du häufig erst heraus, wenn du einmal etwas anderes ausprobierst.

Fang klein an

Morgen früh kannst du mit den Socken anfangen. Nicht, weil Socken dein Leben verändern, sondern weil du dir damit für einen kurzen Moment zeigst, dass Gewohnheit keine Vorschrift ist. Und danach suchst du dir vielleicht eine andere kleine Stelle. Eine andere Frage. Eine Aufgabe weniger. Eine Benachrichtigung aus. Eine Entscheidung, die endlich dort getroffen wird, wo sie hingehört. Keine riesige Veränderung. Nur eine kleine. Dann schaust du, was passiert.

Du brauchst nicht immer den perfekten Plan für Veränderung. Du brauchst einen ersten Versuch und die Bereitschaft, auf das Ergebnis zu schauen.

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