„Kino im Kopf“ heißt es häufig, wenn vom Lesen gesprochen wird. Mir gefällt „Abenteuer im Kopf“ sehr viel besser. Ein Film zeigt mir schließlich schon, wie eine Figur aussieht, wie ihr Haus eingerichtet ist, welche Farbe ihr Auto hat und ob die Eule auf dem Ast eher würdevoll oder ein wenig zerzaust aussieht. Beim Lesen bekomme ich Wörter. Was daraus entsteht, erschaffe ich zu einem erstaunlich großen Teil selbst.
Genau das fasziniert mich daran. Zwei Menschen können dasselbe Buch lesen, dieselben Sätze vor sich haben und trotzdem zwei völlig unterschiedliche Welten erleben. Figuren bekommen andere Gesichter, Räume sehen anders aus, eine Stimme klingt im Kopf des einen ruhig und tief, während sie beim nächsten Leser vielleicht hell und ein wenig frech klingt. Zehn Menschen lesen dieselbe Beschreibung einer Eule, und vermutlich sitzen anschließend zehn verschiedene Eulen auf zehn verschiedenen Ästen.
Das Buch ist dasselbe. Das Abenteuer nicht.

Ein Film zeigt Bilder – ein Buch lässt sie entstehen

Das ist meine sehr klare Position zum Lesen: Ein Film zeigt dir die Bilder eines anderen. Ein Buch bringt deinen Kopf dazu, eigene zu erschaffen.
Damit möchte ich Filme keineswegs schlechtreden. Ich sehe sie selbst gern. Es ist nur eine andere Art des Erlebens. Beim Film haben Regie, Kamera, Ausstattung und Schauspieler bereits viele Entscheidungen getroffen. Beim Lesen bleiben erstaunlich viele davon bei dir. Wie sieht dieser Wald aus? Wie groß ist das Haus? Wie bewegt sich eine Figur? Wie fühlt sich ein bestimmter Ort an? Selbst wenn ein Autor sehr genau beschreibt, ergänzt dein Kopf ständig das, was zwischen den Worten liegt. Vielleicht ist genau das einer der Gründe, weshalb ein Buch einen so tief hineinziehen kann. Du schaust der Geschichte nicht ausschließlich zu, du erschaffst einen Teil dieser Welt selbst.
Wer liest, konsumiert nicht nur eine Geschichte. Er erschafft sie im eigenen Kopf mit.

Sprache kann ganze Welten bauen

Für mich ist dabei besonders spannend, wie wenig es manchmal braucht, damit im Kopf etwas entsteht. Ein paar Worte reichen, und plötzlich gibt es einen Ort, den es Sekunden zuvor noch nicht gab. „Ein altes Baumhaus zwischen zwei mächtigen Ästen.“
Mehr braucht es zunächst kaum. Trotzdem hast du jetzt vermutlich irgendein Baumhaus vor Augen. Vielleicht schief, vielleicht gemütlich, vielleicht mit einer Leiter, vielleicht mit einer Strickleiter. Ich habe dir nicht gesagt, aus welchem Holz es besteht, wie groß es ist oder in welchem Baum es hängt. Dein Kopf hat angefangen, die fehlenden Teile zu ergänzen.
Sprache kann das.
Und genau deshalb fasziniert mich Sprache weit über Bücher hinaus. Worte beschreiben nicht einfach nur etwas. Sie können Aufmerksamkeit lenken, Bilder hervorrufen, Gefühle verändern und Möglichkeiten sichtbar machen, die vorher vielleicht gar nicht im Blick waren. Ein Satz wie „Ich will nicht ständig diesen Stress bei der Arbeit“ erzeugt eine völlig andere innere Vorstellung als „Ich möchte mich bei meiner Arbeit wohlfühlen und wieder Freude daran haben.“ Im ersten Satz steht der Stress mitten im Bild. Im zweiten bekommen Wohlbefinden und Freude eine Bühne. Das ist kein Zaubertrick. Es ist schlicht ein anderer sprachlicher Fokus.

Eigene Bilder beim Lesen entstehen lassen

Sara, Seth und eine ziemlich ungewöhnliche Eule

Damit komme ich zu einer Buchreihe, die ich gern empfehle. Eigentlich sind es drei Bücher, also eine Trilogie von Esther und Jerry Hicks. Im Mittelpunkt steht Sara, ein junges Mädchen, das die Bekanntschaft einer Eule namens Salomon macht.
Salomon ist nicht irgendeine Eule.
Er kann reden.
Und wenn eine Eule schon reden kann, wäre es natürlich ziemlich schade, wenn sie anschließend nichts Interessantes zu sagen hätte. Sara spricht mit Salomon über das Leben, über Wünsche, Gedanken, Aufmerksamkeit und darüber, welchen Unterschied es machen kann, eine klare Vorstellung davon zu entwickeln, was entstehen soll. Später kommt Seth hinzu, und aus diesen Gesprächen entwickeln sich Geschichten und Abenteuer, die viele Gedanken auf eine angenehm leichte Weise transportieren.
Die Bücher greifen dabei Ideen auf, die Esther und Jerry Hicks mit dem Law of Attraction verbinden. Für mich braucht ein Leser diese Vorstellung nicht eins zu eins zu übernehmen, um etwas aus den Geschichten mitzunehmen. Viel interessanter finde ich den Gedanken dahinter, bewusster darauf zu achten, womit wir uns innerlich beschäftigen, wie wir über etwas sprechen und welches Ziel wir überhaupt vor Augen haben. Denn genau dort wird Sprache praktisch.

Es macht einen Unterschied, wonach du suchst

Wenn du den ganzen Tag nach Dingen Ausschau hältst, die nicht funktionieren, wirst du einiges finden. Unsere Welt stellt dafür zuverlässig Material zur Verfügung. Richtest du dein positives Mindset stärker darauf, was funktioniert, was dir gefällt oder welche Möglichkeit du gerade nutzen kannst, verändert sich nicht plötzlich die gesamte Welt. Du nimmst nur andere Teile davon deutlicher wahr. Das ist für mich wesentlich glaubwürdiger und gleichzeitig viel nützlicher als die Vorstellung, jeder positive Gedanke würde automatisch irgendein gewünschtes Ereignis herbeiziehen. Gedanken beeinflussen, worauf du achtest. Sprache beeinflusst, was du daraus machst. Und dein Handeln kann sich anschließend ebenfalls verändern. Das reicht mir vollkommen.

Gute Geschichten dürfen Gedanken in Bewegung bringen

Was ich an den Sara-Büchern mag, ist die Verpackung dieser Gedanken. Es ist kein trockener Ratgeber, der auf Seite zwölf erklärt, welches Arbeitsblatt du anschließend ausfüllen solltest. Sara und Seth erleben etwas, treffen Salomon, reden miteinander, bauen unter anderem ein Baumhaus und stoßen dabei immer wieder auf Situationen, in denen ihre bisherigen Vorstellungen nicht so recht weiterhelfen. Dadurch entsteht etwas, das ich bei guten Geschichten besonders schätze: Ein Gedanke kommt nicht mit dem erhobenen Zeigefinger zur Tür herein. Er setzt sich irgendwo im Kopf hin und wartet. Vielleicht bleibt er dort. Vielleicht verändert er sich. Vielleicht fällt dir zwei Tage später eine Situation ein, zu der er plötzlich hervorragend passt. Geschichten können etwas vermitteln, ohne ständig erklären zu wollen. Und der Leser darf selbst entscheiden, was davon für ihn wertvoll ist.

Ein Buch darf bei jedem etwas anderes auslösen

Genau deshalb halte ich wenig von der Vorstellung, es gäbe bei einer Geschichte nur eine richtige Bedeutung. Der Autor hat natürlich etwas geschrieben und vermutlich auch etwas damit beabsichtigt. Was ein Leser daraus mitnimmt, entsteht trotzdem in seinem eigenen Leben, mit seinen Erfahrungen, Erinnerungen, Vorstellungen und Fragen. Vielleicht liest jemand die Sara-Trilogie und interessiert sich besonders für das Gesetz der Anziehung. Jemand anderes entdeckt darin vor allem die Wirkung von Sprache. Ein weiterer Leser mag einfach Sara, Seth und Salomon und freut sich über die Geschichte. Alles davon darf sein. Lesen ist keine Prüfung, bei der anschließend jemand kontrolliert, ob du das Buch korrekt erlebt hast.

Lesen heißt für eine Weile woanders sein

Vielleicht liegt darin auch etwas wunderbar Einfaches: Du sitzt auf einem Sofa, in einem Sessel, im Zug oder im Garten und bist gleichzeitig irgendwo ganz anders. Du gehst durch Wälder, die nie jemand fotografiert hat. Du betrittst Häuser, die kein Architekt gebaut hat. Du hörst Stimmen, die ausschließlich in deinem Kopf existieren, und kennst irgendwann Menschen, die nie gelebt haben. Das ist schon eine bemerkenswerte Leistung für ein paar bedruckte Seiten. Und wenn ein Buch richtig gut ist, passiert noch etwas: Du klappst es zu, und ein Teil davon bleibt. Nicht unbedingt die genaue Handlung. Vielleicht nur ein Gedanke, eine Figur, eine Stimmung oder ein Satz, der sich irgendwo festgesetzt hat. Genau solche Bücher mag ich.

Meine Buchempfehlung: Sara und die Eule

Falls du Lust auf diese Reise hast, besteht die Trilogie aus:
Sara und die Eule
Sara und Seth
Sara und das Geheimnis des Glücks
Ich kaufe Bücher gern beim Buchhändler vor Ort. Ich habe das Glück, dass es in meiner Stadt noch einen gibt, und selbst Bücher, die dort gerade nicht im Regal stehen, können bestellt und sogar zu mir nach Hause geliefert werden. Solche Läden behalte ich gern in meiner Umgebung, deshalb bekommen sie auch mein Geld.


Die Bücher gibt es ebenfalls in elektronischer Form, und Teile der Reihe sind als Hörbuch erschienen. Beim Hörbuch übernimmt die Stimme des Sprechers natürlich schon einen Teil der Gestaltung. Trotzdem bleibt noch reichlich Platz für eigene Bilder.

Das Abenteuer gehört dir

Vielleicht ist das am Ende das Schönste am Lesen: Ein Autor kann dir eine Geschichte geben, doch er kann nicht vollständig bestimmen, was daraus in deinem Kopf entsteht. Er liefert Worte. Du lieferst Bilder, Stimmen, Erinnerungen, Gefühle und einen Teil der Bedeutung.
Deshalb gefällt mir „Kino im Kopf“ noch immer nicht ganz so gut. Kino schaue ich mir an. Ein Abenteuer erlebe ich.
Und ein gutes Buch ist genau das für mich: ein Abenteuer, das erst dann vollständig entsteht, wenn jemand anfängt zu lesen.

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