Vor mir liegt die Heidelandschaft, weit und ruhig. Mein Freund sitzt ein Stück vor mir, mit dem Rücken zu mir, und schaut einfach hinaus. Kein Handy in der Hand, keine sichtbare Beschäftigung, kein Ziel, das in den nächsten fünf Minuten erreicht werden soll. Nur sitzen, schauen und den Gedanken ein wenig Raum lassen.
Ich mag solche Momente. Der Blick wandert über die Landschaft, bleibt irgendwo hängen, zieht weiter und irgendwann machen die Gedanken dasselbe. Sie folgen keiner Aufgabe mehr, suchen nicht angestrengt nach einer Lösung und brauchen für einen Moment auch kein Ergebnis. Genau dann entstehen bei mir erstaunlich oft neue Ideen.
Tagträumen ist keine Zeitverschwendung.
Nicht jede Minute braucht eine Aufgabe
Wir haben uns daran gewöhnt, freie Zeit erstaunlich schnell wieder zu füllen. Sobald irgendwo drei Minuten entstehen, kommt das Handy aus der Tasche. Beim Warten werden Nachrichten gelesen, in der Mittagspause werden Mails beantwortet, während einer Zugfahrt läuft ein Video und selbst beim Spaziergang sorgt häufig noch irgendein Podcast dafür, dass bloß kein unbelegter Platz im Kopf entsteht. Dabei ist genau dieser freie Platz wertvoll. Nicht jede Minute braucht eine Aufgabe. Das ist meine sehr klare Position zum Tagträumen. Wer jede freie Minute sofort mit Arbeit, Nachrichten, Unterhaltung oder einem anderen Input füllt, nimmt seinem Kopf genau den Raum, in dem Gedanken einmal ohne festgelegte Richtung unterwegs sein dürfen. Das ist keine verschwendete Zeit.
Tagträumen ist eine andere Art zu denken
Wenn ich einfach in die Landschaft schaue, versuche ich nicht, ein Problem zu lösen. Ich gebe mir keine Aufgabe und suche auch nicht nach einer bestimmten Antwort. Meine Gedanken dürfen irgendwohin gehen. Und genau dann tauchen bei mir erstaunlich häufig Ideen auf, die vorher nicht da waren. Solche Situationen gibt es an vielen Stellen. Beim Duschen. Auf einem Spaziergang. Während einer längeren Autofahrt. Im Zug, wenn die Landschaft draußen vorbeizieht. Du beschäftigst dich gerade überhaupt nicht bewusst mit einem bestimmten Thema und plötzlich ist dieser Gedanke da, nach dem du vorher am Schreibtisch eine halbe Stunde gesucht hast. Für mich ist Tagträumen deshalb kein Ausstieg aus dem Denken. Tagträumen ist eine andere Art zu denken. Der Kopf bekommt die Möglichkeit, Dinge miteinander zu verbinden, ohne dass ständig ein Ziel vorgibt, welches Ergebnis dabei herauskommen soll.
Lösungen entstehen nicht immer durch mehr Anstrengung
Wir haben häufig die Idee, eine Lösung entstehe dadurch, dass wir nur intensiv genug darüber nachdenken. Also wird noch länger auf das Problem geschaut, noch einmal dieselbe Frage gestellt und anschließend noch ein wenig energischer darüber nachgedacht. Das funktioniert durchaus. Nur eben nicht immer. Es gibt Situationen, in denen mehr Anstrengung lediglich dazu führt, dass du noch konzentrierter auf denselben Ausschnitt schaust. Dann kann es ausgesprochen hilfreich sein, etwas völlig anderes zu tun. Rausgehen. Eine Runde laufen. Aus dem Fenster sehen. Im Zug die Landschaft vorbeiziehen lassen. Oder einfach irgendwo sitzen und den Blick wandern lassen. Vielleicht kommt dabei keine Lösung. Das ist ebenfalls in Ordnung. Freie Gedankenzeit braucht keine Erfolgskontrolle.
Kreativität braucht freien Raum
Gerade für kreative Arbeit halte ich solche Momente für enorm wertvoll. Schreiben ist für mich ein gutes Beispiel. Ich kann natürlich vor dem Bildschirm sitzen und auf den perfekten Satz warten. Gelegentlich funktioniert das sogar. Nur gibt es Tage, an denen der Satz offensichtlich beschlossen hat, sich irgendwo zu verstecken. Dann hilft mir oft Abstand. Ich gehe nach draußen, schaue irgendwohin, lasse meine Gedanken laufen und plötzlich ist nicht nur der gesuchte Satz da, sondern manchmal auch noch die Idee für den nächsten Abschnitt. Das Interessante daran ist: Ich habe in diesem Moment gar nicht bewusst gesucht. Vielleicht liegt genau darin ein Teil der Wirkung. Wer ununterbrochen nach einer Lösung sucht, gibt seinen Gedanken ständig eine Richtung vor. Wer zwischendurch Raum lässt, ermöglicht auch Richtungen, an die vorher niemand gedacht hat.
Ungewöhnliche Gedanken dürfen ungewöhnlich bleiben
Neue Ideen haben eine unangenehme Eigenschaft: Sie sehen am Anfang oft nicht besonders vernünftig aus. Sie passen nicht in bestehende Abläufe, widersprechen einer Gewohnheit oder klingen zunächst so, als hätte jemand die Regeln nicht richtig verstanden. Vielleicht hat genau dieser Mensch sie sehr gut verstanden und nur beschlossen, etwas anderes auszuprobieren. Viele interessante Ideen entstehen nicht dadurch, dass alles exakt so weitergeführt wird wie bisher. Deshalb mag ich diese kleinen gedanklichen Umwege. Nicht jeder davon führt irgendwohin. Einige verschwinden genauso schnell, wie sie aufgetaucht sind. Andere führen zu einer Idee, die tatsächlich etwas verändert. Welche davon welche ist, zeigt sich später.
Du darfst deinen Kopf auch einmal in Ruhe lassen
Tagträumen braucht keine Anleitung. Du brauchst weder eine bestimmte Sitzhaltung noch eine App, die dir nach zwölf Minuten mitteilt, dass dein Tagtraum erfolgreich abgeschlossen wurde. Schau aus dem Fenster. Geh ein Stück. Setz dich irgendwohin. Lass deinen Blick schweifen und deinen Gedanken die Freiheit, nicht sofort nützlich sein zu brauchen. Vielleicht passiert gar nichts Spektakuläres. Dann hattest du einfach ein paar ruhige Minuten. Vielleicht kommt eine Idee. Vielleicht wird ein Gedanke klarer. Vielleicht findest du plötzlich eine Verbindung zwischen Dingen, die vorher überhaupt nichts miteinander zu tun hatten. Und vielleicht stellst du einfach fest, dass es ziemlich angenehm ist, dabei innere Ruhe zu finden, statt jede freie Sekunde zu füllen.
Die Landschaft bleibt. Dein Blick vielleicht nicht.
Mein Freund sitzt noch immer vor mir und schaut in die Heidelandschaft. Es passiert sichtbar nicht viel. Genau das gefällt mir daran. Vielleicht braucht dein Kopf heute keine weitere Aufgabe. Vielleicht reicht es, irgendwo zu sitzen, den Blick weit werden zu lassen und für ein paar Minuten nichts Bestimmtes zu denken. Die Landschaft vor dir verändert sich dadurch vermutlich nicht.
Dein Blick darauf vielleicht schon.
