Früher, als ich noch regelmäßig Zeitung gelesen habe, gab es etwas, das mich immer wieder fasziniert hat. Drei Menschen lasen denselben Artikel. Dieselben Buchstaben standen schwarz auf weiß auf derselben Seite. Anschließend unterhielten sich diese drei Menschen darüber – und plötzlich konnte der Eindruck entstehen, sie hätten drei verschiedene Texte gelesen.
Noch deutlicher wurde es, wenn alle drei bei der Veranstaltung dabei gewesen waren, über die anschließend berichtet wurde. Jeder hatte etwas anderes wahrgenommen, andere Aussagen wichtig gefunden und bestimmte Situationen vollkommen unterschiedlich erlebt. Der Text war derselbe. Das Erlebnis nicht.Genau darin steckt für mich einer der spannendsten Aspekte von Kommunikation: Dieselben Worte können bei verschiedenen Menschen völlig unterschiedliche Bedeutungen auslösen.  Kommunikation besteht deshalb nicht nur aus dem, was du sagst. Entscheidend ist auch, was beim anderen ankommt.

Gesagt ist noch lange nicht verstanden

Wir sprechen miteinander und gehen erstaunlich häufig davon aus, dass unser Gegenüber schon verstehen wird, was wir meinen. Schließlich haben wir es doch deutlich gesagt. Nur ist „deutlich gesagt“ keine Garantie für „genauso verstanden“. Du kennst deine Gedanken hinter einem Satz. Du weißt, welche Erfahrungen du damit verbindest, welches Bild du im Kopf hast und welches Gefühl für dich dazugehört. Dein Gegenüber hört lediglich deine Worte und verbindet sie mit den eigenen Erfahrungen, Bildern und Gefühlen. Schon entsteht etwas Neues.
Ein einfacher Satz wie „Das solltest du noch einmal überdenken“ kann für einen Menschen ein freundlicher Hinweis sein. Ein anderer hört darin Kritik. Ein Dritter versteht vielleicht: „Du hältst meine Entscheidung für falsch.“ Keiner dieser Menschen hat zwingend schlecht zugehört. Jeder hat die Worte durch die eigene innere Welt laufen lassen. Genau deshalb ist gute Kommunikation mehr als korrekt formulierte Sätze. 

Hören, um zu verstehen

Eine meiner liebsten Formulierungen dazu lautet: Hören, um zu verstehen, statt hören, um zu antworten. Das klingt zunächst selbstverständlich. Im Alltag geschieht häufig etwas anderes. Während dein Gegenüber noch spricht, läuft in deinem Kopf bereits die Antwort. Du überlegst, was du erwidern möchtest, suchst nach einem Beispiel aus deinem eigenen Leben oder bereitest innerlich schon das Gegenargument vor.
Du hörst noch die Worte. Gleichzeitig bist du gedanklich längst wieder bei dir. Aufmerksames Zuhören beginnt dort, wo du diese automatische Reaktion bemerkst und für einen Moment nicht sofort antworten willst. Was sagt der andere tatsächlich? Welche Worte benutzt er? Was scheint ihm wichtig zu sein? Wo wird seine Stimme schneller oder leiser? Welche Formulierungen wiederholt er? Plötzlich hörst du mehr als den reinen Inhalt.

Worte verraten viel über unsere innere Welt

Menschen sprechen unterschiedlich. Der eine sagt: „Ich sehe noch keinen Weg.“ Ein anderer: „Das hört sich für mich nicht richtig an.“ Der nächste beschreibt: „Irgendwie fühlt sich das komisch an.“ Alle drei können über dieselbe Situation sprechen und wählen vollkommen unterschiedliche Worte dafür.
Ich finde solche Unterschiede spannend, weil Sprache einen kleinen Einblick darin geben kann, wie jemand gerade über etwas nachdenkt. Das bedeutet nicht, Menschen anhand einzelner Wörter in Schubladen zu stecken. Sprache ist viel lebendiger dafür.
Es bedeutet vielmehr, aufmerksam zu werden. Welche Bilder verwendet jemand? Spricht er von Druck, Abstand, Bewegung, Klarheit, Lautstärke, Schwere oder Leichtigkeit? Welche Wörter tauchen immer wieder auf? Je mehr du zuhörst, desto leichter wird es, in der richtigen Sprache zu antworten, die deinen Gegenüber tatsächlich erreichen kann.

Drei Menschen, drei Wirklichkeiten

Das erklärt auch die drei Leser meiner Zeitung. Jeder brachte etwas Eigenes mit: Erfahrungen, Erwartungen, Überzeugungen, Erinnerungen und vielleicht sogar die Stimmung dieses Tages. Der eine las einen kritischen Artikel. Der nächste fand ihn ausgewogen. Der dritte empfand ihn als vollkommen einseitig. Und alle drei konnten überzeugt davon sein, einfach nur gelesen zu haben, was dort stand.
Diese Erkenntnis verändert Kommunikation für mich grundlegend. Wenn jemand meinen Satz anders versteht, als ich ihn gemeint habe, bringt es wenig, lediglich lauter zu wiederholen: „Genau das habe ich doch gesagt!“ Ja. Gesagt vielleicht. Angekommen ist etwas anderes. Dann interessiert mich viel mehr: Was ist bei dir angekommen? Diese Frage kann Gespräche erstaunlich schnell verändern.

Missverständnisse beginnen selten mit böser Absicht

Viele Konflikte entstehen nicht, weil zwei Menschen einander schaden wollen. Sie entstehen, weil beide auf unterschiedliche Bedeutungen reagieren. Einer sagt etwas. Der andere hört etwas anderes. Darauf reagiert er. Der Erste reagiert wiederum auf diese Reaktion und denkt vielleicht: „Was ist denn jetzt los?“ Schon entwickelt sich ein Gespräch, das mit dem ursprünglichen Satz kaum noch etwas zu tun hat. In Partnerschaften, Familien und im Berufsleben kann daraus eine erstaunliche Dynamik entstehen.
Je länger diese Schleife läuft, desto häufiger wird nicht mehr über das eigentliche Thema gesprochen, sondern darüber, wie etwas gesagt wurde, was angeblich gemeint gewesen sei und was der andere schon wieder falsch verstanden habe. Hier hilft häufig keine ausgefeilte Kommunikationstechnik. Oft hilft eine wesentlich einfachere Fähigkeit: Nachfragen.

Fragen statt vermuten

„Wie hast du das gerade verstanden?“ „Was bedeutet das für dich?“ „Was genau meinst du mit diesem Wort?“ Solche Fragen wirken unspektakulär. Gleichzeitig verhindern sie, dass du eine ganze Unterhaltung auf einer Vermutung aufbaust.
Gerade Wörter wie Respekt, Vertrauen, Freiheit, Zuverlässigkeit, Nähe oder Verantwortung klingen eindeutig und können für zwei Menschen vollkommen Unterschiedliches bedeuten. Wenn jemand sagt: „Mir fehlt deine Unterstützung“, könnte Unterstützung heißen: zuhören, praktische Hilfe leisten, zustimmen, Zeit verbringen oder einfach präsent sein. Solange du das nicht weißt, antwortest du möglicherweise auf deine eigene Definition statt auf das, was dein Gegenüber meint.

Gute Kommunikation beginnt mit Aufmerksamkeit

Wer bewusster kommunizieren möchte, darf zuerst aufmerksamer zuhören: Welche Worte nutzt mein Gegenüber, welche Bilder entstehen in seiner Sprache und worauf richtet er seine Aufmerksamkeit? Du brauchst dafür keine komplizierte Technik.
Beginne damit, weniger schnell zu vermuten. Höre einen Satz bis zum Ende. Lass einen kurzen Moment verstreichen, bevor du antwortest. Frag nach, sobald eine Formulierung mehrere Bedeutungen haben könnte. Und prüfe gelegentlich, ob das, was du verstanden hast, tatsächlich das ist, was dein Gegenüber ausdrücken wollte. Das klingt beinahe zu einfach. Vielleicht liegt genau darin seine Stärke. Genaues Zuhören beginnt mit den fünf Kanälen, die NLP unterscheidet.

Verstehen heißt nicht zustimmen

Ein Punkt ist mir dabei besonders wichtig: Einen Menschen verstehen zu wollen bedeutet nicht, ihm recht zu geben. Du kannst sehr genau nachvollziehen, wie jemand zu einer Meinung kommt, und trotzdem eine andere Position vertreten. Du kannst verstehen, welches Gefühl hinter einer Aussage steckt, und dennoch eine Grenze setzen. Verstehen schafft keine Verpflichtung zur Zustimmung. Es schafft lediglich eine bessere Grundlage für das Gespräch. Und manchmal verändert genau das einen Streit: Nicht die Einigung, sondern der Moment, in dem beide Seiten merken, dass sie zum ersten Mal wirklich gehört wurden.

Was bei deinem Gegenüber ankommt

Kommunikation wird wahrscheinlich nie vollkommen eindeutig werden. Dafür sind Menschen zu verschieden, Erfahrungen zu unterschiedlich und Sprache zu vielseitig. Genau das macht sie zugleich spannend. Du kannst sorgfältiger wählen, welche Worte du benutzt. Du kannst beobachten, welche Wirkung sie haben. Du kannst nachfragen, wenn etwas anders ankommt als gedacht. Und du kannst lernen, deinem Gegenüber zuzuhören, ohne währenddessen bereits die nächste Antwort zu bauen.
Vielleicht ist das eine der wertvollsten Veränderungen in unseren Gesprächen: Nicht ständig besser reden zu wollen, sondern besser zuzuhören. Denn gesagt ist schnell etwas. Verstanden zu werden beginnt häufig erst danach.

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